Kontext

 

RESONANZEN 2014 verfolgt in seinem Programm das Ziel, die Beziehung zwischen Musikalität/ Klangproduktion und Bewegung sowie die Körperlichkeit von Musik zu untersuchen. Präsentiert werden Konzerte, Choreografien und Performances, in denen sich das eine im jeweils anderen reflektiert: die Musikalität und Klanglichkeit von Bewegungen und des Körpers im Tanz, und die Körperlichkeit in der Klangkunst oder Musik. Arbeitende und sich bewegende Körper treten in ein Spannungsverhältnis zu dem von ihnen produzierten Sound und reflektieren ihre Konstitution im von ihnen produzierten Klang, in der von ihnen produzierten Musik. Ziel ist eine kritische Betrachtung zeitgenössischer Körper- und Raumkonzepte sowohl in der Musik, wie auch im Tanz. Es geht zudem um die Betrachtung sozialer Konstellationen und Situationen, und wie sich deren Aktivität in Klanglichkeit und Musikalität spiegelt.

Musik und Tanz haben beide ihren Ursprung im menschlichen Körper. Durch verschiedene historische Entwicklungen ist jedoch dieser gemeinsame Ursprung in den Hintergrund getreten. In der Geschichte der europäischen Kunstmusik ist die Körperlichkeit des Musizierens – zumal bei größeren Gruppen von Musikern, wie z.B. Orchestern – hinter das Klangerlebnis zurückgetreten; im Mittelpunkt stehen der Klang, seine zeitliche Organisation oder Raumwirkungen. Der musizierende Leib wird, etwa bei Solomusikern, als transzendierender oder transzendierter Körper betrachtet. Der produzierende Körper als arbeitender Körper, seine spezifische Konstitution und die Körperlichkeit der Musik werden ausgeblendet, ebenso wie die Körperlichkeit der Rezeption der Musik.

Anders ist dies in der Popmusik. Sie ist im 20. Jahrhundert u.a. angetreten, die enge Beziehung zwischen dem Körper und der Musik wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Simple Strukturen in Rhythmus und Melodieführung machen es dem Hörer leicht sich affizieren zu lassen. Zudem ist die Körperlichkeit der Produzenten bei den Protagonisten des Pop ein wesentliches Element. Pop als Phänomen manifestiert sich zugleich im Klang, in der Musik, im Körper und seiner Gestaltung, in der Kleidung, in den Bewegungen – in allen Elementen seiner Inszenierung.

Im Tanz pflegen Bewegung und Musik nach wie vor eine sehr enge Beziehung, auch wenn der Tanz des 20. Jahrhunderts sich vom Diktat der Musik emanzipiert hat. Ihre Strukturen sind nicht mehr unbedingt bestimmend für den Fortgang einer Choreografie. Das führte zu einem Tanz ohne Musik oder zu Kollaborationen, in denen, wie etwa bei der jahrzehntelangen Kooperation von Merce Cunningham und John Cage, Tanz und Musik vollkommen unabhängig voneinander entwickelt wurden. Der Musik kommen heute andere Funktionen zu als im historischen Tanz. Musik oder Klang und tänzerische Bewegung kommentieren sich eher gegenseitig, als dass sie aufeinander angewiesen wären. Die Klanglichkeit des Körpers, seiner Bewegungen, seiner Eigenlaute, seines Rhythmus kann zu einem Element des Tanzes werden – in Auseinandersetzung mit einer Musik oder als dessen einziges akustisches Element.

Das Programm von RESONANZEN 2014 widmet sich am ersten Abend der Spannung zwischen Körpererfahrung und Rhythmusproduktion im Tanz und in der Musik. Nicole Beutler rekonstruiert in „2: Dialogue with Lucinda“ zwei der sogenannten Silent Pieces von Lucinda Childs, welche diese in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem Gehen im Umfeld der New Yorker Avantgardebewegung, entwickelt hat.
Das Ensemble El Perro Andaluz präsentiert im Anschluss unter dem Titel „Possible Dances“ ein Minimal Music Programm, welches die Beziehung zwischen Musik und Körperlichkeit/ Bewegung von der Entstehung der Minimal Music, ebenfalls im Umfeld der New Yorker Avantgardebewegung in den 1970er Jahren, bis heute nachzeichnet. Gespielt werden u.a. Werke von David Lang, Michio Kitazume und Giacinto Scelsi.

Der zweite und dritte Abend widmen sich der Beziehung zwischen Körper und Instrument, zwischen Bewegung und erzeugtem Klang. Elizabeth Waterhouse und Jens Heitjohann untersuchen in „Don’t Play!“ zusammen mit dem Ensemble El Perro Andaluz die Bedingungen des Musizierens – die individuellen ebenso wie die sozialen – und damit die Arbeit an der Musik und legen so die Sicht frei auf das, was im Konzert normalerweise keine Beachtung findet.
Ipke Starke und Eva Zöllner gehen in ihrem Konzert – einer Festival-Uraufführung – der Beziehung zwischen musikalischer Arbeit und Raumklang nach, ebenso wie den gesellschaftlichen Funktionen von Musik.
Sabine Ercklentz und Andrea Neumann beleuchten in „Fruitful Contamination“ die Verantwortungsbeziehung zwischen Instrument und Instrumentalistin. Wer steuert eigentlich wen bei der Produktion von Klang?

Zum Festivalabschluss wird der Berliner Musiker und Beatmaster Shaban mit seinem tanzbaren elektronischen Sound den Bogen zurück zum Eröffnungsabend spannen – ist doch der Techno oder die elektronische Musik eine der Erben der Minimal Music der 1970er Jahre.

Das dreitägige Programm wird eingerahmt und ergänzt durch künstlerische Beiträge von Studierenden sowie Late-Night-Talks mit den aufführenden KünstlerInnen und Videoarbeiten.